Die Psychologie
Der Erfolg im Tischtennissport hängt - besonders im höherklassigen Bereich - stark von den psychischen Fähigkeiten eines Spiels ab, da auf einem hohen Spielniveau nur noch sehr geringe Unterschiede im Bereich der physischen und technischen Fähigkeiten bestehen. Gerade beim Tischtennis existiert eine hohe psychische Belastung und kleinste Störungen der psychischen Stabilität haben große Auswirkungen auf die Leistung. Die Persönlichkeit des Sportlers und seine psychischen Qualitäten geben dann den Ausschlag über Sieg und Niederlage.
Aber nicht nur auf einem hohen Spielniveau ist eine gute Psyche wichtig. Auch in unteren Klassen kommt es häufig zu engen Spielen, die in der Regel der Sportler mit der besseren Psyche für sich entscheidet. Deshalb gilt es, seine psychischen Fähigkeiten durch ein gezieltes Training zu verbessern, um den psychologischen Stress im Wettkampf besser zu verarbeiten.
• 1. Psychologischer Stress
• 1.1 Stressfaktoren im Tischtennissport
• 2. Phasen des psychologischen Stresses
• 3. Leistungsfaktoren
• 3.1 Leistungsbereitschaft
• 3.2 Leistungsfähigkeit
• 3.3 Umwelt
• 4. Die Persönlichkeit des Spielers
• 4.1 Persönlichkeitseigenschaften des Spielers
• 5. Leistungsmotivation
• 5.1 Variablen der Motivation
• 6. Psychologische Vorbereitung
• 7. Mittel zur Verhaltensanalyse
• 7.1 Beobachtung
• 8. Übungsformen zur Stärkung der psychischen Fähigkeiten
1. Psychologischer Stress
In einem wichtigen Wettkampf wirken auf einen Spieler die größten psychologischen Belastungen ein. Das Verhalten des Aktiven weicht dann mehr oder weniger stark von seinem Normalzustand oder den Belastungen im Training ab.
Die Belastungen, die der Spieler im Wettkampf als bedrohlich empfindet, bezeichnet man als psychologischen Stress. Dieser Stress tritt aber nicht nur während des Wettkampfes auf, sondern auch davor (Nervosität, Lampenfieber) und danach (Siegesfreude, Enttäuschung). Zum einen kann es zu einer körperlichen und geistigen (kognitiven) Lähmung kommen. In diesem Fall spricht man von einer Hypoaktivierung.
Zum anderen kann der Sportler durch eine Übererregung körperlich und geistig verkrampfen. Dann spricht man von einer Hyperaktivierung.
1.1 Stressfaktoren im Tischtennissport
Beim Tischtennis können folgende Stressfaktoren auftreten:
• Wettkampfbedingungen (Tische, Bälle, Bodenverhältnisse, Hallenbedingungen)
• Gegner (Spielstärke, Technik, Taktik, Material, Gestik, Mimik, aggressive Äußerungen)
• Schiedsrichter (vermeintliche und tatsächliche Fehlentscheidungen)
• Bedeutung des Spiels (Turniersieg, Meisterschaft, Aufstieg oder Abstieg)
• Verlauf des Spiels (unerwarteter Vorsprung oder Rückstand, Punktentscheid bei spektakulären oder hart umkämpften Ballwechseln)
• bestimmte Spielstände (Verlängerung, Satzball oder Matchball)
• Netz- und Kantenbälle des Gegners
2. Phasen des psychologischen Stresses
Tischtennis ist gekennzeichnet durch einen schnellen Wechsel von Spannungsphasen und Entspannungsphasen (unregelmäßige Intervallbelastung). Entscheidend für eine gute psychische Wettkampfstabilität eines Athleten ist eine schnelle und effektive Umschaltung von einer Mobilisation (Anregung) auf die darauf folgende Entspannung und umgekehrt. Gleichzeitig muss der Spieler außerdem seine eigene Leistung und die Taktik des Gegners analysieren, sich ständig neu konzentrieren und seine folgende Handlung gedanklich vorbereiten.
3. Leistungsfaktoren
Die Leistung eines Spielers im Wettkampf resultiert aus dem Verhalten eines Athleten mit seiner Umwelt. Das Verhalten beinhaltet dabei die Leistungsfähigkeit (physische, technische und taktische Möglichkeiten) und die Leistungsbereitschaft (psychische Fähigkeiten).
Beim Tischtennis kann der Gegner die Leistungsbereitschaft, zum Beispiel das Selbstvertrauen, beeinflussen.
3.1 Leistungsbereitschaft
Zur Leistungsbereitschaft zählen folgende Faktoren:
• Aggression
• Angst
• Anspruchsniveau
• Belastung
• Erfolg / Misserfolg
• Ermüdung
• Erwartung
• Frustration
• Konzentration
• Motivation
• Risiko
• Selbstvertrauen
• Stabilität / Labilität
• Stress
• Wille
3.2 Leistungsfähigkeit
Zur Leistungsfähigkeit zählen folgende Faktoren:
• Aerobe und anaerobe Ausdauer
• Beweglichkeit
• Schnelligkeit
• Kraft
• Schnellkraft
• Konstitution
• Technik
• Sensomotorik
• Intellekt
3.3 Umwelt
Zur Umwelt zählen folgende Faktoren:
• Anlagen
• Ausrüstung
• Familie
• Gegner
• Geräte
• Material
• Partner
• Presse
• Schiedsrichter
• Trainer
• Zuschauer
4. Die Persönlichkeit des Spielers
Persönlichkeitseigenschaften sind grundsätzlich konstante Wesenszüge. Persönliche Eigenschaften wie Nervosität und Unsicherheit wirken sich aber beim Tischtennisspielen stark leistungshemmend aus. Nur der Sportler, der sich in seiner Persönlichkeit beherrscht, selbstvertrauend, mutig, ungezwungen, selbstkritisch und emotional stabil zeigt, ist überhaupt in der Lage, im Wettkampf Höchstleistungen zu erzielen.
4.1 Persönlichkeitseigenschaften des Sportlers
Temperamentszüge:
• Extraversion / Introversion
• Aktivität
• Spontanität
• Nervosität
• Zuversichtlichkeit
Einstellung:
• Bereitschaft zur Kooperation / Teamfähigkeit
• Objektivität
• Toleranz
Motive:
• Leistungsbedürfnis
• Risikobedürfnis
• Geltungsdrang
• Bewegungsdrang
• Streben nach Selbstbestätigung
Fähigkeiten:
• Kraft / Schnelligkeit / Ausdauer / Beweglichkeit
• Bewegungsgenauigkeit / Reaktionszeit
• Antizipationsfähigkeit / Logik / Kombinationsfähigkeit
5. Leistungsmotivation
Die Leistungsmotivation eines Spielers hängt von vielen Faktoren ab. In der Persönlichkeit jedes Athleten ist grundsätzlich eine gewisse Leistungsbereitschaft verankert. Zudem spielen Faktoren wie das Anspruchsniveau eines Spielers und seine Erfolgsaussichten in einem Wettkampf eine erhebliche Rolle. Eine Partie gegen einen deutlich schwächeren Gegner bei einem hohen Anspruchsniveau des Sportlers bietet ihm nur wenig Anreiz, da seine Erfolgsaussichten sehr groß sind.
5.1 Variablen der Motivation
Die Motivation wird durch folgende situativen Variablen beeinflusst:
• Trainingbedingungen
• Trainingsgruppe
• Trainerverhalten
• Anreiz der Trainings- und Wettkampfaufgaben
• Grad der subjektiven Erfolgswahrscheinlichkeit
• Wirkung von Vorbildern
• Unterstützung und Erwartung von Familie und Freunden
• Wirkung von Presse und Fernsehen
• Materielle und finanzielle Vergünstigungen
6. Psychologische Vorbereitung
Das Ziel einer psychologischen Vorbereitung muss die Verbesserung der Leistungsbereitschaft des Athleten sein, so dass dieser seine Leistungsfähigkeit optimal ausschöpfen kann und sein Verhalten gegenüber seiner Umwelt optimiert wird.
7. Mittel zur Verhaltensanalyse
• Lange und intensive Gespräche mit dem Sportler
• Notizen zum Wettkampfverhalten
• Anlage eines Trainingsbuches
• Selbsteinschätzungen
7.1 Beobachtung
• Verhalten innerhalb der Trainingsgruppe (gegenüber Trainer und Mitspielern; gegenüber bestimmten Trainingsinhalten und Trainingsmitteln)
• Verhalten vor dem Wettkampf (auf der Hinfahrt; Vorbereitung in der Halle; Aufwärmen; Einspielen; taktische Vorbereitung und Einstellung auf den Gegner)
• Verhalten während des Wettkampfes (gegenüber Gegenspieler, Doppelpartner, Schiedsrichter, Trainer, Zuschauern, Spielverlauf, äußeren Spielbedingungen)
• Verhalten nach dem Wettkampf (bei Siegen und bei Niederlagen)
8. Übungsformen zur Stärkung der psychischen Fähigkeiten
Zwar könne Übungen im Training nie hundertprozentig eine enge Spielsituation in einem wichtigen Spiel simulieren, aber sie können einen Sportler auf die Situation vorbereiten. Deshalb sollte man im Training Übungen verwenden, bei denen es knappe Spielstände gibt und bei denen oft entscheidende Ballwechsel vorkommen. Der Verlierer muss dann als „Strafe“ bei einer Niederlage eine Zusatzaufgabe (Konditionsübung, Schnelligkeitsübung oder Kraftübung) machen. Hat ein Spieler im Falle einer Niederlage keine Konsequenzen zu erwarten, so verringert sich die Drucksituation und damit auch der psychologische Stress.
• Sätze werden mit einem Spielstand von 9:9 oder 10:10 begonnen
• Satzbeginn bei einem Spielstand in der Verlängerung, zum Beispiel 14:14
• einen Entscheidungssatz spielen, der mit einem Spielstand von 8:8 beginnt
• 2 bis 3 Gewinnsätze bis 30 spielen
• Übungsformen am Ende einer anstrengenden Trainingseinheit spielen, wenn die Spieler bereits ermüdet sind und es schwierig wird, sich zu konzentrieren (simuliert Ranglistenspiele oder Spiele in einem Turnier, bei denen ein Spieler auch viele Spiele absolvieren und sich über einen langen Zeitraum konzentrieren muss)
• zwei bis drei Gewinnsätze spielen, wobei nur der Aufschläger punkten kann
• direkte Aufschlagpunkte zählen doppelt
• wenn ein stärkerer und ein schwächerer Spieler gegeneinander antreten, so zählen die Punktgewinne des schwächeren Spielers doppelt
